Diagnose vor Korrektur und Sanktion
Die Übung trainiert das begründete Erkennen verschiedener Probleme. Eine fehlende Seitenzahl, eine sinnentstellende Wiedergabe und eine zu nahe Paraphrase sind nicht derselbe Fehler. Entsprechend unterscheiden sich die Reparaturen. Studierende sollen deshalb zuerst beschreiben, was ein Leser nicht nachvollziehen kann, und erst danach eine bessere Fassung formulieren.
Lehrende legen vorab fest, welcher Zitierstil im Kurs gilt. Das Fallset verwendet eine kurze Autor-Jahr-Form, damit die inhaltliche Zuordnung im Mittelpunkt steht. Interpunktion und Details können an APA, Chicago, Harvard oder eine Fachvorgabe angepasst werden. Die Übung selbst begründet keine institutionelle Sanktion und ersetzt keine formelle Prüfung eines realen Falls.
Zwei synthetische Ausgangsquellen
Quelle A – Keller (2025), S. 18: „In einem vierwöchigen Bibliothekskurs stieg der Anteil der Teilnehmenden, die in einer Übungsaufgabe vollständige Fundstellen angaben, von 46 auf 71 Prozent. Wegen freiwilliger Teilnahme und fehlender Kontrollgruppe lässt sich daraus keine allgemeine Wirkung des Kurses ableiten.“
Quelle B – Imani (2024), S. 52: „Versionsverläufe können Schreibentscheidungen sichtbar machen, bilden den Arbeitsprozess aber nicht vollständig ab. Offline-Notizen, Gespräche und spätere Dateiimporte bleiben häufig unsichtbar. Metadaten sollten daher nur zusammen mit weiteren Informationen interpretiert werden.“
Bibliografische Übungsangaben: Keller, R. (2025). Quellenwege im Bibliothekskurs. Zeitschrift für Schreibdidaktik, 8(1), 11–27. Imani, S. (2024). Grenzen digitaler Prozessspuren. Hochschullernen, 12(2), 49–63. Beide Titel und Zahlen sind für dieses Lehrbeispiel erfunden; sie dürfen nicht als Forschungsergebnis zitiert werden.
Arbeitsauftrag in drei Durchgängen
Durchgang eins: Ordne jedem Fall eine Hauptkategorie zu: fehlende Zuordnung, unvollständiges Direktzitat, sinnwidrige Wiedergabe, zu quellennaher Wortlaut oder nachvollziehbare Nutzung. Markiere exakt die Wörter, an denen du deine Diagnose festmachst. Mehrere Probleme sind möglich; entscheide, welches zuerst behoben werden muss.
Durchgang zwei: Notiere für die Fälle 1 bis 4 eine Reparaturhandlung. Zur Auswahl stehen unter anderem Beleg ergänzen, Anführungszeichen und Fundstelle vervollständigen, Aussage inhaltlich korrigieren oder nach dem Verständnis neu paraphrasieren. Schreibe anschließend eine verbesserte Passage. Du darfst keine Information ergänzen, die in den Ausgangsquellen fehlt.
Durchgang drei: Vergleiche Fall 4 und Fall 5. Beide nennen Keller mit Fundstelle. Erkläre, warum formale Anwesenheit eines Belegs allein noch keine gelungene Quellenintegration garantiert. Benenne außerdem, wie Fall 5 die Aussagegrenze der synthetischen Studie bewahrt. Bearbeitungszeit: etwa 20 Minuten allein, danach 15 Minuten Vergleich in Paaren und gemeinsame Auflösung.
Lösungsschlüssel mit Begründung und Reparatur
Fall 1 – fehlende Zuordnung: Die spezifischen Zahlen und der Kurs stammen aus Quelle A, doch ein Beleg fehlt. Reparatur: „In Kellers freiwilliger Kursgruppe nahm der Anteil vollständiger Fundstellen in der Übungsaufgabe von 46 auf 71 Prozent zu (Keller 2025, S. 18).“ Die Einschränkung sollte folgen, wenn daraus eine Wirkung abgeleitet werden soll.
Fall 2 – Direktzitat ohne genaue Fundstelle: Anführungszeichen markieren übernommenen Wortlaut, aber die bereitgestellte Seitenzahl fehlt. Reparatur: „Versionsverläufe können Schreibentscheidungen sichtbar machen“ (Imani 2024, S. 52). Je nach Zitierstil gehören Autor, Jahr und Seite in eine andere Position; die Auffindbarkeit bleibt das Ziel.
Fall 3 – sinnwidrige Wiedergabe: Imani sagt ausdrücklich, dass Versionsverläufe den Prozess nicht vollständig abbilden. Die Passage behauptet das Gegenteil. Ein korrekter Beleg repariert keine falsche Darstellung. Reparatur: „Versionsverläufe zeigen einzelne Schreibentscheidungen, lassen aber etwa Offline-Notizen und Gespräche aus (Imani 2024, S. 52).“
Fall 4 – zu nahe Paraphrase: Beleg und Seite sind vorhanden, doch Satzbau und Wortfolge folgen Quelle A fast vollständig. Reparatur nach Lesen, Weglegen und eigenem Strukturieren: „Bei der freiwillig teilnehmenden Gruppe waren vollständige Fundstellen nach dem Kurs häufiger; das Design erlaubt jedoch keinen gesicherten Kausalschluss (Keller 2025, S. 18).“ Die Zahlen könnten ergänzt werden, wenn sie argumentativ nötig sind.
Fall 5 – nachvollziehbare Nutzung: Die Passage ordnet Beobachtung und Grenze zu, formuliert eigenständig und überzieht den Befund nicht. Eine andere gute Lösung ist möglich. „Nachvollziehbar“ heißt nicht automatisch, dass der gesamte Absatz fachlich überzeugend ist; dafür müssten Fragestellung, Kontext und Anschlussargument betrachtet werden.
Aus Fehlerprofilen konkrete nächste Übungen ableiten
Erfasse Ergebnisse nach Kategorie statt nur als Gesamtpunktzahl. Häufen sich fehlende Zuordnungen, braucht die Gruppe Übungen zum Belegbedarf. Bei sinnwidrigen Wiedergaben helfen Zusammenfassungen mit anschließendem Quellenvergleich. Zu nahe Paraphrasen verlangen Arbeit an Verständnis, Notizen und eigenständiger Satzstruktur, nicht bloß Synonymaustausch.
Bitte Studierende am Ende um eine Transferregel in eigenen Worten und einen Beispielsatz. So wird sichtbar, ob sie nur den Lösungsschlüssel wiederholen oder eine neue Stelle beurteilen können. Für eine benotete Verwendung müssen Punkte, erlaubte Hilfen und Umgang mit Varianten vorher feststehen. Ergebnisse aus dieser Übung belegen keine Täuschungsabsicht.
Der Vier-Wochen-Baustein zur Plagiatsprävention ordnet das Fallset in eine längere Lernsequenz ein. Für Bewertungen bietet sich die Rubric zu Prozess- und Produktnachweisen an. Weitere Lehrmaterialien stehen im Hub Hochschulpraxis; Grundlagen zu Fundstellen und Ähnlichkeitsbefunden erklärt So funktioniert die Prüfung.