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Quellenkritik · QUE-04

Zurückgezogenen Artikel erkennen und richtig behandeln

Prüfe DOI-Landingpage, Zeitschriftenseite, bibliografische Datenbank und verknüpfte Mitteilung auf Begriffe wie „retracted“, „withdrawn“, „expression of concern“ oder „correction“. Lies den Grund und Umfang der Maßnahme; eine Korrektur ist keine Retraction, und eine Retraction macht den Artikel nicht unsichtbar. Verwende zurückgezogene Inhalte nicht als unmarkierten Beleg. Ist der Vorgang selbst Forschungsgegenstand, zitiere Artikel und Retraction Notice gemeinsam und kennzeichne den Status jedes Mal eindeutig.

Retraction-PrüfworkflowStand: 4. September 2026

Ein altes PDF zeigt seinen aktuellen Status oft nicht

Eine lokal gespeicherte oder in einem fremden Repositorium abgelegte PDF kann vor der Retraction entstanden sein und keinen sichtbaren Hinweis tragen. Beginne deshalb bei DOI oder offizieller Zeitschriftenseite. Achte auf auffällige Banner, Wasserzeichen, verlinkte Notices und geänderte Metadaten. Suche zusätzlich Titel und DOI in einer etablierten Fachdatenbank.

Verlasse dich nicht auf einen einzelnen Suchtreffer. Bibliothekskatalog, Zitationsmanager oder kopierte Literaturliste können veraltet sein. Ein Hinweis in einem Blog ist ein Anlass zur Prüfung, aber die Retraction Notice des Journals und registrierte Metadaten sind die maßgeblichen Dokumente für Status und Begründung.

Retraction, Withdrawal, Korrektur und Besorgniserklärung unterscheiden

Eine Retraction kennzeichnet einen publizierten Artikel als in wesentlichen Punkten nicht zuverlässig oder aus anderen dokumentierten Gründen zurückgezogen. Eine „Expression of Concern“ warnt vor ernsten offenen Fragen, solange eine Untersuchung läuft. Eine Korrektur behebt bestimmte Fehler, ohne zwingend den gesamten Beitrag zurückzuziehen. „Withdrawal“ kann je nach Verlag einen Beitrag vor oder nach formaler Publikation betreffen.

Lies die konkrete Mitteilung statt nur das Label. Manche Maßnahmen betreffen einen Teil, eine Abbildung oder Daten; andere die tragende Schlussfolgerung. Der Status kann sich weiterentwickeln. Notiere deshalb Datum, Herausgeber, DOI der Mitteilung und Beziehung zum Original.

Grund und Umfang bestimmen die wissenschaftliche Reaktion

COPE nennt Transparenz, Verknüpfung und klare Gründe als wichtige Merkmale einer Retraction. Ursachen können ehrliche Fehler, nicht verlässliche Daten, unzulässige Vervielfältigung, ethische Probleme oder Manipulation sein. Eine Retraction ist nicht automatisch ein Beweis für vorsätzliches Fehlverhalten aller Autorinnen. Formuliere nur, was die Notice tatsächlich feststellt.

Prüfe, welche Aussage deiner Arbeit betroffen ist. Wird eine zentrale Messreihe als unzuverlässig bezeichnet, kann ein darauf gestütztes Ergebnis nicht unverändert stehen bleiben. Betrifft die Mitteilung einen anderen Teil, ist dennoch eine begründete Neubewertung nötig. Suche unabhängige Quellen, Reanalysen und spätere Korrekturen.

Authority Asset: Retraction-Prüfworkflow

  1. Identifizieren: Titel, Autorinnen, Jahr und DOI aus dem verwendeten Dokument festhalten.
  2. Original öffnen: DOI auflösen und offizielle Publikationsseite prüfen.
  3. Status suchen: Banner, Crossmark, Datenbankkennzeichnung und verknüpfte Notices vergleichen.
  4. Notice lesen: Datum, Herausgeber, Grund, Umfang und betroffene Bestandteile notieren.
  5. Beleg bewerten: Welche eigene Aussage hängt von dem Artikel ab?
  6. Ersatz suchen: Unabhängige Primärquellen, Replikationen oder neuere Reviews prüfen.
  7. Text korrigieren: Beleg entfernen, ersetzen oder als Retraction-Fall transparent diskutieren.
  8. Protokollieren: Prüftermin, Entscheidung und betroffene Fundstellen speichern.

Bei unklarem Status kontaktiere Bibliothek oder Journal und kennzeichne die Unsicherheit. „Kein Hinweis gefunden“ ist keine Garantie, dass keine Maßnahme existiert.

Wann ein zurückgezogener Artikel dennoch zitiert wird

Als Beleg für die zurückgezogene wissenschaftliche Behauptung ist er ungeeignet, wenn die Retraction ihre Zuverlässigkeit betrifft. Er kann aber Gegenstand einer Arbeit über Publikationsethik, Fehlerfortpflanzung, Zitationsnetzwerke oder Wissenschaftsgeschichte sein. Dann braucht jede Erwähnung eine unmissverständliche Statusangabe. Zitiere die Retraction Notice zusätzlich und erkläre ihren Grund ohne Spekulation.

Ein mögliches Textmuster lautet: „Der Beitrag wurde am [Datum] zurückgezogen; die Mitteilung nennt [knapp paraphrasierter Grund]. Er wird hier ausschließlich zur Untersuchung der früheren Rezeption herangezogen.“ Kopiere keine stigmatisierenden Behauptungen über Personen, die die Notice nicht trägt. Diese Quellenkritik ist keine Bewertung individueller Schuld.

Die eigene Literaturliste systematisch nachprüfen

Priorisiere Quellen, die zentrale Schlussfolgerungen tragen, kontrovers diskutiert werden oder lange vor der Abgabe gespeichert wurden. Exportiere DOI und Titel, prüfe sie jedoch einzeln gegen verlässliche Statusangaben. Automatische Warnungen sind hilfreich, können aber falsche Zuordnungen oder fehlende Updates enthalten. Die fachliche Entscheidung bleibt dokumentierte Handarbeit.

Wird ein Statusproblem gefunden, suche alle Vorkommen in Text, Fußnoten, Tabellen und Abbildungen. Ein aus dem Literaturverzeichnis gelöschter Eintrag kann weiterhin indirekte Aussagen prägen. Passe Argumentation und gegebenenfalls Ergebnisbewertung an. Prüfe auch zitierte Preprints mit dem Leitfaden Preprint-Status transparent machen.

Nach der Abgabe neue Hinweise behandeln

Für öffentlich verfügbare Arbeiten lohnt eine dokumentierte Nachprüfung, wenn ein zentraler Beleg später zurückgezogen wird. Welche Korrektur, Ergänzung oder Meldung möglich ist, hängt von Hochschule oder Verlag ab. Bewahre die damalige Quellenprüfung und die neue Notice auf. Ein transparenter Erratum-Hinweis ist wissenschaftlich hilfreicher als das stille Ersetzen einer Datei.

Offizielle Quellen

  1. COPE: Retraction Guidelines – Kriterien und transparente Gestaltung von Retractions.
  2. Crossref: Crossmark – offizieller Mechanismus für aktuellen Publikationsstatus und Updates.
  3. US National Library of Medicine: Retracted Publications – Indexierung und Verknüpfung von Retraction Notices in PubMed.

Indirekte Zitate und Reviews ebenfalls neu bewerten

Eine Retraction kann auch Quellen betreffen, die du nicht direkt gelesen hast. Ein Review oder Lehrbuch kann den später zurückgezogenen Befund übernehmen, ohne bereits aktualisiert zu sein. Suche deshalb nach der Ursprungsliteratur zentraler Aussagen und prüfe, ob die Sekundärquelle ihre Schlussfolgerung auf genau diesen Beitrag stützt. Ein verlässlicher Review kann den problematischen Befund bereits ausgeschlossen oder kritisch eingeordnet haben; das wird anhand seiner Methode und seines Datums geprüft, nicht vermutet.

Halte bei Literaturübersichten fest, ob zurückgezogene Studien ausgeschlossen, separat analysiert oder als Forschung über Retractions einbezogen werden. Eine reine Löschung kann den historischen Auswahlprozess unsichtbar machen. Dokumentiere Titel, Notice, Ausschlussgrund und Datum in der Studienfluss- oder Ausschlusstabelle. So bleibt nachvollziehbar, warum Fallzahlen gegenüber einer früheren Suchversion abweichen und welche Synthese neu berechnet wurde.