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Quellenkritik · QUE-11

Sekundärzitat, wenn das Original nicht verfügbar ist

Nutze ein Sekundärzitat nur, wenn du das Original nach einer dokumentierten Suche nicht beschaffen kannst und die Aussage wirklich erforderlich ist. Kennzeichne im Text, dass du die ursprüngliche Quelle ausschließlich aus der gelesenen Sekundärquelle kennst. Übernimm keine Seitenzahl, keinen Wortlaut und keine Interpretation so, als hättest du das Original geprüft. In das Literaturverzeichnis gehört nach vielen Zitierstilen nur die tatsächlich gelesene Quelle; verbindlich ist jedoch der Leitfaden deiner Hochschule.

Beschaffungs- und KennzeichnungspfadStand: 4. September 2026

Ein Sekundärzitat überträgt eine fremde Lesart

Wenn Autorin B eine Aussage von Autor A wiedergibt und du nur B liest, kennst du A nicht unmittelbar. B kann gekürzt, übersetzt, zugespitzt oder aus einem anderen Zusammenhang zitiert haben. Auch ein korrektes Zitat in B beantwortet nicht automatisch, welche Definition, Methode oder Einschränkung A verwendete. Diese Distanz muss im eigenen Text sichtbar bleiben.

Besonders riskant sind berühmte Sätze, historische Zahlen und Definitionen, die über viele Texte weitergereicht wurden. Seitenangaben können zu einer anderen Ausgabe gehören, Übersetzungen können variieren und ein angebliches wörtliches Zitat kann bereits paraphrasiert sein. Je zentraler die Aussage, desto stärker ist die Pflicht, das Original oder eine belastbare Edition zu beschaffen.

Vor dem Sekundärzitat systematisch beschaffen

Beginne mit vollständigen Metadaten aus der gelesenen Quelle: Name, Titel, Jahr, Verlag oder Zeitschrift, Band, Seiten und Identifier. Suche Titelvarianten in Bibliothekskatalog, Verbundkatalog, Fachdatenbank und DOI-Register. Prüfe digitale Sammlungen, institutionelle Repositorien, Autorenseiten und rechtmäßige Open-Access-Fassungen. Ein anderer Titel kann auf Übersetzung, Sammelbandbeitrag oder Neuauflage hinweisen.

Nutze Fernleihe, Dokumentlieferung oder die Auskunft deiner Bibliothek. Frage Betreuende nach institutseigenen Beständen. Bei einem Werk, das nur in einer nicht beherrschten Sprache vorliegt, ist „nicht verfügbar“ nicht dasselbe wie „nicht lesbar“; prüfe eine autorisierte Übersetzung oder fachliche Unterstützung. Halte Suchwege und Datum fest, damit die Ausnahme begründbar ist.

Prüfen, ob die Aussage überhaupt unverzichtbar ist

Manchmal dient das Sekundärzitat nur als schmückender Ursprungssatz. Dann ist es wissenschaftlich sauberer, die nachweisbare Aussage von B direkt zu paraphrasieren oder eine aktuelle Primärquelle zu verwenden. Wenn du die Rezeption von A durch B untersuchst, ist B sogar die eigentliche Primärquelle für diese Rezeptionsfrage. Formuliere den Untersuchungsgegenstand entsprechend.

Bei empirischen Behauptungen sollte eine spätere Sekundärquelle nicht die einzige Basis sein. Suche Studien, Datensätze oder Reviews, die den Befund unabhängig prüfen. Bei historischen Originalen kann eine kritische Edition näher am Werk liegen als ein zufälliges modernes Lehrbuch. Bewerte Kompetenz, Zitiergenauigkeit und Zweck der Sekundärquelle.

Authority Asset: Beschaffungs- und Kennzeichnungspfad

  1. Metadaten sichern: vollständigen Originalbeleg aus der gelesenen Quelle übertragen und Tippfehler prüfen.
  2. Identifier suchen: DOI, ISBN, Katalog-ID, Titelvarianten und Ausgabe ermitteln.
  3. Zugänge prüfen: Bibliothek, Verbund, Repositorium, Open Access, Fernleihe und Dokumentlieferung.
  4. Notwendigkeit prüfen: Lässt sich die Aussage durch eine gelesene Primärquelle oder direkte Paraphrase ersetzen?
  5. Überlieferung vergleichen: Gibt es weitere unabhängige Wiedergaben oder eine kritische Edition?
  6. Ausnahme dokumentieren: Suchdatum, nicht erfolgreiche Wege und Grund für die verbleibende Nutzung festhalten.
  7. Status kennzeichnen: im Satz „zitiert nach“ oder die vom Stil geforderte Form verwenden.
  8. Verzeichnis prüfen: nur tatsächlich gelesene Werke nach der Hochschulregel aufnehmen.

Brich den Pfad nicht nach einer allgemeinen Websuche ab. Eine Bibliotheksanfrage ist bei zentralen Aussagen ein angemessener nächster Schritt.

Formulierung und Literaturverzeichnis müssen zusammenpassen

Ein mögliches Schema im Text lautet: „A (Jahr, zitiert nach B Jahr, Seite)“. Die konkrete Zeichensetzung richtet sich nach APA, Harvard, deutscher Fußnotenpraxis oder dem institutionellen Leitfaden. Die Seitenzahl nach B bezeichnet die Fundstelle, die du tatsächlich kontrolliert hast. Eine Originalseite wird nur genannt, wenn B sie ausweist, und darf nicht den Eindruck eigener Prüfung erzeugen.

Viele Stile führen im Literaturverzeichnis nur B, weil nur dieses Werk gelesen wurde. Andere Fachtraditionen verlangen zusätzliche Angaben zu A in der Fußnote oder im Verzeichnis. Prüfe die verbindliche Regel und bleibe konsistent. Schreibe in deinen Exzerpten ausdrücklich „Original nicht eingesehen“, damit der Status später nicht verloren geht.

Wörtliche Zitate, Übersetzungen und Daten besonders vorsichtig behandeln

Ein wörtliches Zitat aus zweiter Hand trägt ein doppeltes Fehlerrisiko. Wenn es unvermeidbar ist, übernimm exakt die Fassung aus B und kennzeichne die indirekte Herkunft. Ändere keine veraltete Schreibweise still. Bei Übersetzungen benenne, wessen Übersetzung du zitierst. Für Tabellen, Formeln und Abbildungen ist eine Sekundärwiedergabe oft ungeeignet, weil Format und Legende wesentliche Informationen enthalten.

Wird das Original später zugänglich, ersetze das Sekundärzitat nach eigener Prüfung. Vergleiche Kontext und Wortlaut und korrigiere deine Argumentation. Für die Einordnung von Überlieferungsstufen hilft Primär-, Sekundär- und Tertiärquellen unterscheiden.

Eine transparente Ausnahme stärkt statt schwächt

Dokumentiere in einer Arbeitsnotiz, welche Aussage vom indirekten Beleg abhängt und wie stark deine Schlussfolgerung ohne sie wäre. Wenn ein ganzer Argumentationsabschnitt auf einem nicht geprüften Original ruht, ist Umstrukturierung meist sinnvoller als eine Häufung von „zitiert nach“. Wenige klar markierte Ausnahmen sind nachvollziehbarer als eine scheinbar lückenlose Quellenkette, die tatsächliche Lektüre vortäuscht.

Offizielle und institutionelle Quellen

  1. APA Style: Secondary Sources – offizielle APA-Regel zur Kennzeichnung und zum Literaturverzeichnis.
  2. University of Queensland Library: Secondary sources – institutionelle Beispiele für indirekte Zitate.
  3. WorldCat – internationaler Bibliothekskatalog zur Beschaffung und Identifikation von Ausgaben.

Suchprotokoll für spätere Nachprüfung erhalten

Notiere Datenbanken, Suchbegriffe, Titelvarianten, Kataloge und angefragte Bibliotheken. Bewahre negative Antworten und Lieferfristen auf. Wird das Original nach der Abgabe digitalisiert, lässt sich dadurch schnell erkennen, welche Aussagen neu geprüft werden müssen. Ein eindeutiger Verweis auf Kapitel und Kurzbeleg verbindet Suchakte und Manuskript. Bei mehreren Ausgaben dokumentierst du außerdem, welche Ausgabe B verwendet hat und welche du später gefunden hast; Seitenzahlen und Übersetzungen dürfen nicht ungeprüft zwischen ihnen übertragen werden.