Plagiat Scanner.de Redaktion | Zuletzt geprüft: 26.08.2026 | 6 Min. Lesezeit
Was eine Hypothese ist und was keine ist
Eine Hypothese ist eine aus Theorie abgeleitete Vermutung über einen Zusammenhang zwischen mindestens zwei Merkmalen, formuliert als Aussagesatz, der sich an Daten prüfen lässt. Entscheidend ist der letzte Teil. Wenn kein denkbares Ergebnis deiner Untersuchung die Aussage widerlegen könnte, hast du keine Hypothese aufgestellt, sondern eine Überzeugung notiert.
Keine Hypothesen sind: Fragen, Zielformulierungen, Definitionen und Aussagen über einzelne Fälle. „Die Digitalisierung verändert die Kommunikation" ist unwiderlegbar und deshalb wertlos, weil jedes Ergebnis dazu passt.
Hypothesen stehen am Ende des Theorieteils, nicht davor. Sie sind das Ergebnis deiner Auseinandersetzung mit dem theoretischen Rahmen, und wer sie vorher notiert, sucht anschließend nur noch die Literatur, die dazu passt.
Von der Theorie zur prüfbaren Vermutung
- Zusammenhang benennen. Welches Merkmal soll auf welches wirken?
- Begründung aus der Literatur holen. Welche Theorie oder welcher Befund macht diesen Zusammenhang plausibel?
- Richtung festlegen. Steigt etwas, sinkt etwas, oder weißt du es noch nicht?
- Merkmale operationalisieren. Womit misst du sie konkret?
- Prüfbarkeit testen. Welches Ergebnis würde deine Vermutung widerlegen?
Schritt zwei entscheidet über die Note. Eine Hypothese ohne Herleitung ist eine Behauptung, und Betreuende erkennen den Unterschied sofort daran, ob im Absatz davor eine Quelle steht oder nicht. Schreibe die Begründung deshalb unmittelbar vor die Hypothese, in zwei bis drei Sätzen, mit Beleg.
Dieselbe Vermutung, einmal unbrauchbar und einmal prüfbar
Von der vagen Aussage zur testbaren Hypothese
Unbrauchbar: „Soziale Medien haben einen Einfluss auf das Lernverhalten von Studierenden."
Welcher Einfluss? Welche Medien? Welches Lernverhalten? Jedes Ergebnis würde passen, deshalb prüft die Aussage nichts.
Prüfbar, ungerichtet: „Die tägliche Nutzungsdauer sozialer Medien unterscheidet sich zwischen Studierenden mit hoher und niedriger Selbstwirksamkeitserwartung."
Prüfbar, gerichtet: „Je höher die tägliche Nutzungsdauer sozialer Medien, desto niedriger die selbstberichtete Konzentrationsdauer beim Lesen von Fachtexten."
Hier ist klar, was gemessen wird, in welche Richtung der Zusammenhang erwartet wird und welches Ergebnis der Vermutung widerspräche.
Die vier Hypothesentypen im Überblick
| Typ | Aussageform | Wann du ihn wählst | Beispielmuster |
|---|---|---|---|
| gerichtet | je höher, desto niedriger | Theorie oder Befunde geben die Richtung vor | X hängt negativ mit Y zusammen |
| ungerichtet | unterscheidet sich | Zusammenhang plausibel, Richtung offen | X und Y unterscheiden sich |
| Unterschiedshypothese | Gruppe A vs. Gruppe B | zwei Gruppen werden verglichen | Gruppe A erreicht höhere Werte als B |
| Nullhypothese | kein Unterschied | Gegenannahme für den statistischen Test | zwischen X und Y besteht kein Zusammenhang |
Gerichtete Hypothesen sind anspruchsvoller, weil du die Richtung begründen musst. Sie zahlen sich trotzdem aus: Der statistische Test wird trennschärfer, und deine Diskussion hat einen klaren Bezugspunkt, wenn das Ergebnis in die andere Richtung zeigt.
Operationalisieren: vom Begriff zur Messung
Operationalisieren heißt, einen abstrakten Begriff in etwas Zählbares zu übersetzen. „Motivation" misst niemand direkt, gemessen werden Antworten auf Fragebogenitems, Anwesenheitszeiten oder abgegebene Übungsblätter.
Diese Übersetzung gehört dokumentiert, und zwar bevor du erhebst. Schreibe zu jeder Hypothese in einer Zeile auf, welche Variable womit erfasst wird und mit welchem Verfahren du sie auswertest. Das erspart dir die unangenehme Situation, am Ende Daten vor dir zu haben, aus denen sich deine Vermutung gar nicht prüfen lässt. Diese Zeilen wandern später fast unverändert in dein Methodikkapitel.
Achte dabei auf einen häufigen Bruch: Die Hypothese spricht von Lernerfolg, gemessen wird die Selbsteinschätzung. Beides ist nicht dasselbe. Entweder du änderst die Formulierung oder du erklärst in den Limitationen, warum die Näherung vertretbar ist.
Wann Hypothesen nicht passen
- Explorative Arbeiten. Wenn es zu deinem Gegenstand kaum Vorarbeiten gibt, wäre eine Hypothese geraten. Formuliere stattdessen Leitfragen.
- Qualitative Studien. Interviews und Inhaltsanalysen wollen Muster finden, nicht Vermutungen bestätigen.
- Historische und hermeneutische Arbeiten. Hier arbeitest du mit Thesen, die du am Material begründest, nicht mit Variablen.
- Reine Literaturarbeiten. Der Vergleich von Forschungsständen braucht Kriterien, keine Nullhypothese.
- Konzeptarbeiten. Wer ein Verfahren entwickelt, prüft es an Anforderungen statt an Signifikanzniveaus.
Prüfliste vor der Erhebung
- Jede Hypothese ist ein Aussagesatz, kein Fragesatz.
- Zu jeder Hypothese steht im Absatz davor eine belegte Begründung.
- Beide Merkmale sind benannt und jeweils mit einem Messinstrument verknüpft.
- Du kannst sagen, welches Ergebnis die Hypothese widerlegen würde.
- Richtung und Typ sind bewusst gewählt und im Text benannt.
- Die Anzahl der Hypothesen passt zum Umfang deiner Auswertung.
Wo beim Hypothesenteil ein Plagiatsrisiko entsteht
Hypothesenteile ähneln sich stark, weil Herleitungen aus denselben Theorien auf ähnliche Sätze hinauslaufen. Standardformulierungen wie „Es wird angenommen, dass" sind unkritisch, dafür gibt es keine Alternative. Riskant wird es einen Schritt später.
Wer die Herleitung eines Papers mitsamt Argumentationsgang übernimmt und nur die Variablen austauscht, übernimmt fremde Denkarbeit, und genau das markiert ein Scan als zusammenhängende Passage, selbst wenn einzelne Wörter ersetzt wurden. Belege deshalb jeden Befund, der deine Vermutung stützt, mit der Quelle, aus der du ihn hast, statt eine Zusammenfassung aus zweiter Hand zu übernehmen.
Ein zweiter Punkt betrifft nicht die Formulierung, sondern die Redlichkeit. Hypothesen im Nachhinein an die gefundenen Ergebnisse anzupassen, ist kein Plagiat, gilt in der Wissenschaft aber als Täuschung und liegt in derselben Kategorie wie Datenfälschung. Der ehrliche Weg ist unbequemer und trotzdem einfacher: Du berichtest, dass die Vermutung nicht aufging, und diskutierst mögliche Gründe.
Was du als Nächstes tust
Notiere alle Hypothesen auf einem einzelnen Blatt, daneben je eine Zeile Begründung mit Quelle und eine Zeile Messung. Passt das nicht auf eine Seite, hast du zu viele.
Lege dieses Blatt dann neben deine Forschungsfrage und prüfe, ob die Hypothesen zusammen die Frage abdecken. Bleibt ein Teil der Frage unberührt, fehlt eine Hypothese oder die Frage ist zu breit. Für die sprachliche Seite hilft dir der Schreibcoach: Er prüft Formulierungen auf Verständlichkeit und Aufbau, bevor deine Betreuung sie liest.