Plagiat Scanner.de Redaktion | Zuletzt geprüft: 26.08.2026 | 6 Min. Lesezeit
Darf ich „ich" schreiben?
Ja, in vielen Fächern darfst du das. Es gibt keine übergreifende Regel der Wissenschaft, die die erste Person verbietet. Es gibt Fachkulturen, die sie meiden, und Fachkulturen, die sie erwarten. Der einzige verbindliche Maßstab ist die Vorgabe deiner Betreuung.
Wo das Ich erlaubt ist, gilt eine zweite Bedingung: Es steht dort, wo du eine eigene Entscheidung triffst oder begründest. Nicht dort, wo du erzählst, wie schwer dir die Literatursuche fiel.
Praktisch heißt das: Zwei bis fünf Ich-Sätze in einer Bachelorarbeit fallen niemandem negativ auf. Zwanzig fallen auf.
Warum die Regel überhaupt entstanden ist
Hinter dem Verbot steckt ein sinnvoller Gedanke, der irgendwann zur Formel erstarrt ist. Wissenschaftliche Aussagen sollen unabhängig von der Person gelten, die sie aufschreibt. Ein Messergebnis wird nicht dadurch wahr, dass eine bestimmte Person es gemessen hat. Um diese Unabhängigkeit zu betonen, verschwand die Person aus dem Satz.
Der Preis dafür ist hoch. Wenn niemand mehr im Text handelt, verschwimmt die Grenze zwischen deiner Leistung und der Leistung deiner Quellen. „Es wird angenommen, dass die Wirkung nachlässt" verrät nicht, ob das deine Annahme ist oder die einer Studie. Genau diese Grenze müssen Prüfende erkennen können.
Seit einigen Jahren gehen viele Fächer deshalb den umgekehrten Weg. In qualitativer Forschung gehört die eigene Rolle sogar zum Gegenstand: Wer Interviews führt, beeinflusst sie. Das offen zu benennen, ist dort besserer Stil als es zu verstecken.
Dieselbe Stelle mit und ohne Ich
Verschleiert gegen klar
Unklar: „Es wurde sich für ein qualitatives Vorgehen entschieden, da davon ausgegangen wird, dass quantitative Verfahren der Fragestellung nicht gerecht werden."
Klar: „Ich habe mich für ein qualitatives Vorgehen entschieden, weil die Fragestellung nach Deutungsmustern fragt. Ein standardisierter Fragebogen hätte diese Muster nicht erfassen können."
Die erste Fassung versteckt eine persönliche Entscheidung hinter zwei Passivkonstruktionen. Sie klingt objektiv und ist es nicht: Jemand hat entschieden. Die zweite Fassung nennt die Entscheidung, nennt den Grund und ist einen Satz länger. Diesen Satz ist sie wert.
Alternativen zum Ich im Überblick
| Form | Beispielsatz | Wann sie passt |
|---|---|---|
| Ich-Form | Ich vergleiche beide Modelle anhand von drei Kriterien. | Methodenwahl, Abgrenzung, Diskussion, Reflexion |
| Bezug auf die Arbeit | Diese Arbeit vergleicht beide Modelle. | überall zulässig, auch in strengen Fächern |
| Passiv | Beide Modelle werden verglichen. | im Methodenteil, wenn der Vorgang zählt |
| Wir-Form | Wir vergleichen beide Modelle. | Gruppenarbeiten und Aufsätze mit mehreren Autoren |
| Unpersönliches „man" | Man vergleicht beide Modelle. | fast nie, weil unklar bleibt, wer handelt |
| Dritte Person | Die Verfasserin vergleicht beide Modelle. | wenn ein Stilblatt es ausdrücklich verlangt |
Die zweite Zeile ist der sichere Mittelweg. „Diese Arbeit zeigt", „Das folgende Kapitel prüft", „Die Auswertung ergibt": Solche Formulierungen benennen einen Handelnden, ohne dass du über dich selbst schreibst. Sie funktionieren in jedem Fach.
Wann die Regel nicht gilt
Auch in Fächern, die das Ich meiden, gibt es Textteile mit eigenen Regeln.
- Eigenständigkeitserklärung und Danksagung. Beide stehen zwingend in der ersten Person. Mehr dazu unter Eigenständigkeitserklärung.
- Reflexionsberichte und Praktikumsberichte. Hier ist deine Perspektive der Gegenstand. Ohne Ich funktioniert der Text nicht.
- Forschungsberichte mit teilnehmender Beobachtung. Deine Position im Feld gehört in den Text.
- Limitationen. „Ich konnte nur zwölf Personen befragen" ist ehrlicher als „Die Stichprobe erwies sich als begrenzt". Siehe Limitationen schreiben.
- Kolloquium und Verteidigung. Mündlich sprichst du ohnehin in der ersten Person.
Und noch einmal, weil es der wichtigste Punkt bleibt: Die Vorgabe deiner Betreuung geht vor. Frag lieber einmal zu früh nach, als ein ganzes Kapitel umzuschreiben. Wie du solche Fragen stellst, steht unter Mit dem Betreuer sprechen.
Die häufigsten Fehler
Der erste Fehler ist das erzählende Ich. „Zunächst wollte ich über Migration schreiben, fand dann aber zu wenig Literatur" gehört ins Exposé-Gespräch, nicht in die Arbeit. Erlaubt ist das begründende Ich, nicht das Tagebuch.
Der zweite Fehler ist der Wechsel mitten im Text. Wenn du in Kapitel 3 „ich" schreibst und in Kapitel 5 „die Verfasserin", wirkt das unsauber. Entscheide dich einmal und halte es durch.
Der dritte Fehler ist das Ich als Absicherung. Wer „meiner Meinung nach" vor jede zweite Aussage setzt, schwächt den eigenen Text. Eine begründete Aussage braucht diese Vorsilbe nicht, eine unbegründete rettet sie nicht.
Der vierte Fehler entsteht beim nachträglichen Entfernen. Wer alle Ichs am Abgabetag durch Passivkonstruktionen ersetzt, produziert Sätze wie „Es wurde sich dafür entschieden". Das ist schlechtes Deutsch. Wie du stattdessen umbaust, zeigt Passiv vermeiden.
Checkliste für die Perspektive
- Weißt du, was in deinem Fach und bei deiner Betreuung üblich ist?
- Steht jedes „ich" an einer Stelle, an der du eine Entscheidung begründest?
- Ist die Perspektive über alle Kapitel hinweg gleich?
- Hast du „man" überall dort ersetzt, wo klar benennbar ist, wer handelt?
- Stehen Erklärung und Danksagung in der ersten Person?
- Erkennt eine fremde Person in jedem Absatz, ob die Aussage von dir oder aus einer Quelle stammt?
Was die Perspektive mit dem Plagiatsrisiko zu tun hat
Der letzte Punkt ist mehr als eine Stilfrage. Wenn im Text niemand handelt, verschwindet der Unterschied zwischen deinem Gedanken und dem Gedanken deiner Quelle. Ein Absatz voller unpersönlicher Konstruktionen ohne Beleg liest sich wie eine übernommene Zusammenfassung, auch wenn er es nicht ist.
Klare Zuschreibung löst das Problem in beide Richtungen. „Bourdieu beschreibt" markiert fremdes Denken, „ich übertrage diesen Begriff auf" markiert deine Leistung. Dazwischen bleibt keine Grauzone. Wer sauber zuschreibt, gerät seltener in den Verdacht, fremde Gedanken als eigene ausgegeben zu haben, und verschenkt umgekehrt keine eigenen Leistungen. Wie du beides sprachlich sauber trennst, steht unter wissenschaftlicher Schreibstil; Rückmeldung zu deinen eigenen Formulierungen gibt dir der Schreibcoach.